Der Begriff „Holocaust-Müdigkeit”, der vor einigen Jahren in Deutschland aufgetaucht ist, hat sich mittlerweile international ausgebreitet.
Zurzeit klagen nicht nur deutsche Schüler und Studenten, sondern auch Amerikaner und sogar einige unserer Mitbürger, dass diese Müdigkeit sie plagt. Obwohl die russischen Schüler um einiges weniger über den Holocaust wissen müssen als die Amerikaner. Die Argumente sind überall dieselben. Wir und unsere Vorfahren haben an diesem Verbrechen nicht teilgenommen, das sind längst vergangene Angelegenheiten.
Es gibt sogar eine noch fiesere Begründung: Den Juden würde es noch schlimmer gehen, wenn sie weiterhin „in ihrer Wunde in aller Öffentlichkeit wühlen” würden. Selbst am Internationalen Gedenktag für die Holocaust-Opfer, der am 27. Januar begangen wird, werden diese Gedanken laut geäußert.
Kurzum heißt es: Hört auf mit dem überflüssigen Lärm.
Auch während des Holocausts selbst war die Müdigkeit einer der wichtigsten Bewegungsgründe. In der Novelle des russisch-jüdischen Schriftstellers Lew Ginsburg „Abgrund” wird folgende Episode beschrieben. Während des Zweiten Weltkrieges trieben die Nazis im besetzten südrussischen Dorf Petruschino nahe Taganrog eine Kolonne aus Juden, Kommunisten, Geiseln und anderen Todgeweihten zum Erschießungsort. Die Kolonne ging in eine Grube, und die hinteren Reihen sahen, wie die vorderen stehen bleiben mussten.
Dort wurde ein Grab für sie ausgehoben. „Die Besatzer fingen an, ihnen ‚gut’ zuzureden, sich ‚ohne Panik’ auszuziehen und in den Graben zu springen, ‚Ordnung zu bewahren’, und einer von den Besatzern sagte müde: ‚Zeigt doch mal mehr Verantwortung. Ihr müsst euch ausziehen. Dann in den Graben runtergehen. So geht es’”, schreibt Ginsburg.
Hannah Arendt begründete 1962 ihr Werk über den Nazismus „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen” auf den Materialien des Adolf-Eichmann-Prozesses. Ginsburg, ein renommierter Germanist und Übersetzer von deutschen Gedichten, reiste in den 1960er Jahren quer durch Südrussland, um sich mit den verurteilten russischen „Hilfswilligen” der Nazis, den Ermittlern und den Holocaust-Überlebenden zu treffen.
Auf dieser Grundlage schrieb er 1964 bis 1965 seine dokumentarische Novelle „Der Abgrund”, die in diesem Jahr im dicken Foliant seiner Werke „Das Glücksrad” dank seiner Tochter Irina Schurbina-Ginsburg wieder veröffentlicht wurde. Die wichtigste Botschaft des Buches ist: Seid nicht müde! Erinnert euch! Und denkt nach.
Die gesamte heutige Unterhaltungsindustrie arbeitet auf die Holocaust-Müdigkeit hin. Sie ist auf dem Marktprinzip begründet, dass der Verbraucher nur das lesen (oder noch besser, mühelos angucken und anhören) soll, was ihm Spaß macht und leicht fällt. Der Holocaust ist eines der letzten Wissensgebiete der Welt, das für alle Schüler in den zivilisierten Ländern Pflicht ist.
Die Antike und die Bibel, die einst ein Muss waren, sind aus der Mode gekommen, die Geschichte und Literatur des eigenen Landes verlieren zunehmend an Bedeutung. Von den „lehrreichen Geschichten” in der ganzen Welt ist nur der Holocaust übrig geblieben. Doch die Massenkultur schleicht sich auch an ihn heran. Wir hatten erst vor kurzem die Möglichkeit, ihren verkitschenden tödlichen Griff am Beispiel des Kinohits „Inglorious Bastards” zu sehen.
All das ist ein Teil der globalen Müdigkeit vor „ernsten Themen”, eigentlich vor Gewissen und Ehre. Die russische Literatur kämpfte seit langem gegen diese Krankheit an. Russland sollte eigentlich stolz sein, dass genau hier noch zu Sowjetzeiten die besten Bücher über den Holocaust ohne Erwähnung des eigentlichen Wortes geschrieben wurden.
Diese Bücher führen das vor Augen, was Hannah Arendt als „Banalität des Bösen” bezeichnete. Einige Titel nur: „Der Affe kommt seinen Schädel zu holen” von Juri Dombrowski, „Leben und Schicksal” von Wassili Grossman sowie das bereits erwähnte Buch von Lew Ginsburg.
Hannah Arendt war in den letzten Stunden vor der Hinrichtung des Nazi-Henkers Eichmann darüber erschüttert, wie maschinell und banal alles war, was er sagte und tat. Er habe im Prinzip nichts gegen die Juden gehabt. Doch Ordnung sei Ordnung, deshalb müsse er jetzt für fremde Sünden sterben. „Hoch lebe Deutschland, hoch lebe Argentinien, hoch lebe Österreich!” – mehr konnte dieser „gesamtdeutsche Patriot”, der nach dem Krieg in Argentinien untergetaucht war, nicht hinzufügen.
Er wollte nichts sehnlicher, als den Anstand zu wahren. Aus demselben Grund verwendete er 20 Jahre vor seiner Hinrichtung im Protokoll der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 den Ausdruck „Endlösung” statt „Vernichtung” oder „Evakuation” statt „Abtransport in die Konzentrationslager”.
Auf dieser Konferenz, an der Vertreter des Justizministeriums und der Behörde für den Vierjahresplan (!) teilnahmen, wurde entschieden, die Deportation der Juden in den Osten oder nach Afrika durch physische Vernichtung zu ersetzen. Immigration war den Juden seit dem 23. Oktober 1941 verboten worden. Die Mausefalle schnappte zu.
Heute lautet der Hauptbefehl anders: Alle Mittel einsetzen, um die lokale Bevölkerung nicht zu beunruhigen. Jetzt führt die Massenkultur diesen Befehl aus.
Die „Beruhiger” konnten selbst Hannah Arendt um den Finger wickeln. Der „Spiegel” deckte vor einigen Jahren die Geschichte auf, dass ein ehemaliger KZ-Beamter nach dem Krieg Arbeit im Verlagsgeschäft fand und im langjährigen Briefwechsel mit ihr stand. Er war ihr sogar bei der Veröffentlichung ihrer Werke behilflich. In den Briefen war er gewinnend nett, doch hinter ihrem Rücken sprach er ohne jegliche Schuldgefühle kalt und feindselig über sie. Eine typische Geschichte.
In seinen „Treffen aus dem Jenseits” beschreibt Ginsburg seine Interviews mit dem Chef der Hitlerjugend, dem ersten Mitglied der NSDAP und anderen Nazi-Promis, die in den 1960ern zu ehrwürdigen Bürgern der Bundesrepublik wurden. Immer waren die Antworten gleich: Antisemitismus war nicht die Grundlage unserer Ideologie, Hitler hätte den Krieg auf zwei Fronten vermeiden sollen, der Führer hätte nicht zum Diktator werden sollen, alles hätte im demokratischen, rechtsstaatlichen und gesetzlichen Rahmen geschehen müssen.
Am Holocaust-Gedenktag legten der rumänische Präsident Basescu und der Moldawiens Übergangspräsident Gimpu Kränze an den Gräbern der rumänischen Soldaten nieder, die Moldawien 1941 zusammen mit den Deutschen von der sowjetischen Besatzung und gleichzeitig von den Juden „befreiten”.
Als die Präsidenten der Ukraine und Moldawiens, Juschtschenko und Voronin, 2007 eine Wirtschaftsblockade gegen Transnistrien verhängten und nicht mal Babynahrung durchließen, schwiegen alle westlichen Länder. Nur Empörung über „Schmuggel aus Transnistrien” wurde laut. Alles im Rahmen von Demokratie, Rechtsstaat und Gesetz.
Dmitri Babitsch
http://de.rian.ru/analysis/20100128/124876653.html
siehe auch
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,673999,00.html
Nie wieder Faschimus! Nie wieder Krieg!
Nieder mit der Konterrevolution!
Vorwärts, für eine antifaschistische und demokratische Neuorientierung Europas!
Auf nach Dresden!

Verfasst von dierostigelaterne 






Nazis über den Angriff auf die GBM.



