Die bekennende Antikommunistin, die ihre Dissertation über das Werk des polnischen Philosophen Leszek Kolakowski “Eine Philosophie der Freiheit nach Marx” geschrieben hat, habilitierte 1975 über die “philosophischen und politischen Vorrausetzungen der Gesellschaftskritik von Karl Marx”.
Mit der in ihren Arbeiten offensichtlich werdenden Geisteshaltung war sie auch Mitbegründerin des Seeheimer Kreis.
Die Kandidatur der Bürgerin Schwan zum Amt der Bundespräsidentin sollte Anlass genug sein, ihre Habilitation und die darin definierte “persönlich-maßvolle Beziehung zu Marx” genauer unter die Lupe zu nehmen. Ein Schwerpunkt darin ist das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie.
Sie rechtfertigt eine weitere “philosophische” Schrift über den Marxismus mit dem Hinweis auf die zunehmende Komplexität hochindustrieller Gesellschaften, in denen viele Beziehungen in die Brüche gingen, so dass viele, vorwiegend junge Menschen bei Marx Ordnung im Chaos suchten.
Nun gut; als Ergebnis einer chaotischen Ehescheidung greifen beide hinterher zum “Kapital”.
Doch der Marxismus entwickelt bekanntlich die Lehre von den Bedingungen der Befreiung des Proletariates von der Lohnarbeit und vom Kapital, wie denn auch diese Dialektik durch alle oberflächlich komplizierten Chaosgebilde der spätkapitalistischen Gesellschaft hindurch als roter Faden im Auge zu behalten ist, wie der Genosse Lenin, für den der Marxismus die allerrevolutionäste Doktrin der Welt war, in seinem großartigen Werk, Staat und Revolution erkannt hat.
Das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie ist seit der späten Schrift des Genossen Friedrich Engels “Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie” geklärt. Die Frage des Verhältnis des Denkens zum Sein, des Geistes zur Natur, die höchste Frage der gesamten Philosophie hat also nicht minder als alle Religion ihre Wurzel in der bornierten und unwissenden Vorstellung des Wildheitszustandes. Der Marxismus, führt Genosse Engels weiter aus, entschloss sich die wirkliche Welt, Natur und Geschichte so aufzufassen, wie sie sich selbst einem jedem gibt, der ohne vorgefasste idealistische Schrullen an sie herantritt; man entschloss sich, jede idealistische Schrulle unbarmherzig zum Opfer zu bringen, die sich mit den in ihrem eigenen Zusammenhang und in keinem phantastischen, aufgefassten Tatsachen, nicht in Einklang bringen ließ. Weiter heisst Materialismus überhaupt nichts. Auf diese Schlüsselschrift, die vor dem Werk “Materialismus und Empiriokritizismus” des Genossen Lenin, das durchdachteste philosophische Werk des Marxismus ist, geht die Bürgerin Schwan nicht ein einziges mal ein. Dafür aber um so mehr und um so ausführlicher auf einen unausgereiften Text des jungen Genossen Karl Marx, den dieser vom April bis August 1844 im Pariser Exil schrieb und der jahtzehntelang im Berliner Archiv der SPD lagerte. Erst 1932 erschienen erstmals vollständig in deutscher Sprache die Pariser Manuskripte des jungen 26. jährigen Genossen Karl Marx, denen man den Titel “Ökonomisch Philosophische Manuskripte” gab. Diese nicht zur Veröffentlichung sondern zur Selbstverständigung, zu dem fragmentarischen Manuskripte trugen noch einen geringen idealistischen und einen größeren anthropologistischen Charakter. Gerade auf diese beiden Schwachstellen stürzten sich die Revisionisten wie eine lechzende Meute, allen vorran Herbert Marcuse. Nun sei Marx doch überwiegend ein Philosoph gewesen, seine Theorie habe eine durchgehende philosophische Basis, ja eine Korrektur am späten Engels sei notwendig, Marx habe “… die innere Verbundenheit der revolutionären Theorie mit der Philosophie Hegels in aller Deutlichkeit ausgesprochen”.
Offensichtlich vergessen werden soll die präzise Aussage des Genossen Karl Marx im Nachwort zur zweiten Auflage des Kapital, dass seine dialektische Methode “der Grundlage der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil” sei.
Die idealistische Dialektik Hegels ist unbrauchbar, wie der Genosse Friedrich Engels schon sehr richtig erkannt hat, weil sie politisch auf eine ständische Monarchie hinaus lief. Diese Dialektik kann die Arbeiterklasse nicht gebrauchen!
Gesine Schwan, die sich offen zur “philosophischen”, fast möchte man sagen hegelschen Tradition im Marxismus bekennt, radikalisiert Marcuse noch weiter nach rechts, geht noch weiter in die philosophische Wildnis zurück.
Marcuse räumt immerhin ein, dass die Philosophie mit dem Hinweis auf die Möglichkeit der Entfremdung aus dem Wesen des Menschen ihre Grenze erreicht habe und das Aufzeigen des realen Ursprungs der Entfremdung Sache der ökonomisch-historischen Analyse sei.
Da Marx die Entfremdung intransingent aufheben wolle, deren Ursache er wie alle anderen Philosophen nie richtig geklärt habe, falle seine Theorie der Unglaubwürdigkeit anheim.
Was die Bürgerin Schwan auf gar keinen Fall möchte, ist eine Überwindung der kapitalistischen Ausbeutung und Unterdrückung. Deshalb beschäftigt sie sich vornehm philosophisch mit dem Marxismus und schreibt ihren philosophischen Unsinn hinter das Original Marx, um den Marxismus zu entwaffnen!
Der Genosse Friedrich Engels bezeichnete gerade die materialistische Dialektik als unser bestes Arbeitsmittel und unsere schärfste Waffe. Denn nur sie erfasst die schroffen Wendungen und Sprünge; die Blitze der Geschichte! Die Aprilthesen des Genossen Lenin im Jahr 1917 waren genau so ein Gedankenblitz, der eine neue Welt erschuf; die auch der materialistische Gelehrte Plechanov, der die Oktoberrevolution als Fieberphantasie abtat nicht verstanden hatte.
Von solchen “Fieberphantasien” ist auch die Bürgerin Schwan weit ernfernt, wenn sie schreibt: “Wir können den bedeutenden Hinweis aufgreifen, mit dem Marx auf Zusammenhänge zwischen der Arbeitswelt und den übrigen Daseinsweisen des Menschen zeigt. Diese Zusammenhänge zu orten, wäre ein wichtiges Feld für die Wissenschaft, die sich in den Dienst einer praktischen Politik stellt, mit dem Ziel der schrittweisen Befreiung des Menschen von allen Unterordnungen, die er nicht selbstbewusst eingeht…”
Der Schlusssatz ihrer Habilitation kann da kaum noch überraschen: “Wer den Wert der marxschen Theorie nicht daran misst, ob sie als Heilslehre in ihren Jüngern innere Sicherheit, Selbstbestätigung und Überlegenheitsbewusstsein zu nähren vermag, sondern daran, welchen Beitrag sie für die Lösung der sozialen Probleme der konkreten Menschen hier und jetzt leistet, der wird zu dem Schluss kommen; Karl Marx – aber mit Maßen”.
Hier ist nun jegliche Dialektik, egal ob materialistisch oder idealistisch, über Bord geworfen worden.
Sollte die Bürgerin Schwan tatsächlich Bundespräsidentin werden, so darf man auf ihre Beiträge, zur schrittweisen Verbesserung der komplexen hochindustriellen Gesellschaft, zur schrittweisen Befreiung des Menschen von allen Unterordnungen usw. , gespannt sein.
Wer radikale Veränderungen, hin zu einer gerechteren, klassenlosen Gesellschaft fürchtet, kann beruhigt sein. Da wird mit Sicherheit niemand an den höchsten Repräsentanzposten der Diktatur der Bourgeoisie herrangelassen, der die Axt an die Wurzel der bürgerlichen Staatsmaschinerie legen will. Dafür sorgt schon der Wahlmodus.