Bad Nenndorf 2011- Staatsbad im Ausnahmezustand

Bad Nenndorf ist bunt

In den ca. 200 Jahren, in denen der Kurort Bad Nenndorf besteht, gaben sich dort viele Gäste unterschiedlicher Klassen und Schichten die Klinke in die Hand. Darunter war auch ein Bruder Napoleon Bonapartes, Jerome. Von seinem Bruder, dem französischen Kaiser, zum König von Westfalen ernannt, ging er vor allem durch den Ausspruch „ Morgen wieder lustick!“ in die Geschichte ein. Allerdings ging es, ähnlich wie im übrigen Europa während dieser Zeit, auch in Bad Nenndorf nicht immer „lustick“ zu. So wurden der Badeort und seine Umgebung 1806/07 mehrmals geplündert.

Zweihundert Jahre später gibt es in Bad Nenndorf schon wieder oder immer noch wenig zu lachen. Denn seit 2006 geben sich dort jährlich Gäste ein Stelldichein, die nicht willkommen sind. Es handelt sich um Neofaschisten aus der ganzen BRD, die die Geschehnisse im alliierten Verhörzentrum „Wincklerbad“ in ihrem Sinne umzudeuten versuchen. An diesem Ort saßen 1945 bis 1947 prominente Nazi-und Kriegsverbrecher ein, darunter SS-Obergruppenführer Oswald Pohl. Pohl war  Stellvertreter des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, und Chef des SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamtes. Als solcher war er verantwortlich für den Arbeitseinsatz von Häftlingen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern, sowie für die Überstellung  dieser bedauernswerten „Arbeitssklaven“ an die deutsche Rüstungsindustrie. Er war hauptverantwortlich für den gesamten Komplex, der von der SS „Vernichtung durch Arbeit“ genannt wurde.  1947 wurde er von den Alliierten zum Tode verurteilt und 1951 in Landsberg gehängt. Bis zum Schluß behauptete er, sich keines Verbrechens bewußt zu sein. Andere Gefangene im „Wincklerbad“ kamen aus dem NS-Propagandaapparat, darunter der Goebbels-Freund und Abteilungsleiter im Propagandaministerium Kurt Parbel. Er fotographierte und dokumentierte die Schandprozesse Roland Freislers. Andere „Kapazitäten“ der NS-Propaganda wie Horst Mahnke und Gieselher Wirsing setzten nach ihrer Haft in Bad Nenndorf ihre Karrieren beim „Spiegel“ bzw. „Christ und Welt“ fort.

Mit dem Beginn des Kalten Krieges änderte sich jedoch die Zusammensetzung der Gefangenen. Bereits ab 1946 wurden auch vermeintliche sowjetische Spione im Wincklerbad  vom britischen Geheimdienst inhaftiert. Bei beiden Gefangenengruppen kam es zu Mißhandlungen. Bis zur Auflösung des Lagers starben mindestens drei Männer.

Seit 2006 versuchen die Neonazis, beide Gefangenengruppen für sich zu vereinnahmen und zum Thema ihres „Trauermarsches“ zu machen. Dabei werden deutsche Täter zu Opfern, das Wincklerbad zum „alliierten Folterlager.“  Ein Verbot des Nazispektakels ist nicht in Sicht, die Aufmärsche sind bis 2030 angemeldet. So befand sich auch in diesem Jahr Bad Nenndorf wieder einmal im Ausnahmezustand.

2000 Polizisten aus Niedersachsen und den benachbarten Bundesländern hatten den Ort weiträumig abgesperrt. Davon konnte sich der Autor dieser Zeilen bereits gegen 8.30. Uhr am 6. August überzeugen. Einen Kilometer vor Bad Nenndorf hatte die Polizei einen richtigen „Checkpoint“ eingerichtet. Jedes Auto mußte anhalten und wurde ausgiebig gefilzt. Das hieß : Fahrzeugpapiere, Aussteigen, Kofferraum öffnen, Inhalt auspacken. Da mein ganzer Kofferraum mit einem halben Infostand mit entsprechenden Materialien vollgepackt war, wollte ich mir diese Prozedur nicht antun, und folgte dem Rat einer Genossin, den Wagen auf dem Parkplatz eines nahegelegenen Möbelmarktes abzustellen. Als Fußgänger kam ich, unbeachtet durch die Staatsmacht, am Checkpoint vorbei. Nach knapp einem Kilometer Fußmarsch bog ich rechts in den Wald ab. Plötzlich tauchten aus einem Seitenweg zwei Polizistinnen vor mir auf. Sie beachteten mich nicht, ich folgte ihnen unauffällig. Kurze Zeit später schlugen sie sich seitwärts in die Büsche, während ich meinen Weg unbehelligt über eine schmale Treppe und einen engen Hohlweg fortsetzten konnte, und mich im Zentrum von Bad Nenndorf wiederfand.  Hier war zu diesem Zeitpunkt noch wenig los. Zwei Polizisten grüßten höflich, ich grüßte ebenso höflich zurück (auch Lenin lobt in seinen Schriften die Höflichkeit); einzelne Gruppen Antifas waren ebenfalls in der Fußgängerzone unterwegs. Wenig später traf ich auf Sebastian Wertmüller mit Kollegin. Zu dritt  versuchten wir zum Ort der Auftaktkundgebung zu kommen, was sich aufgrund polizeilicher Maßnahmen als nicht einfach erwies, denn die Polizei hatte  drei Viertel der  Bahnhofstraße bereits durch Hamburger Gitter weiträumig abgesperrt, und das bereits mehr als eine Stunde vor Beginn des Naziaufmarsches. Vor der Absperrung  kam es zu einem heftigen Wortwechsel zwischen Sebastian Wertmüller und einem Polizisten. Sebastian war ihm offenbar zu laut. Darauf anwortete dieser, er sei nicht laut, er rege sich nur auf, und wo denn die in der Presse vollmundig angekündigte Bürgerfreundlichkeit der Polizei bliebe.  Auch der zweite Versuch, im Schlepptau eines NDR-Teams durch die Absperrung zu kommen, scheiterte. Die Reporter wurden durchgelassen, wir nicht! Schließlich gelangten wir, in großem Bogen den Kurpark umrundend, zur Auftaktkundgebung in die Bornstrasse. Am Ende hatten sich 1200 antifaschistische Demonstranten versammelt, die von der Bornstrasse in die Kurhausstrasse zogen. Das Ziel, die Faschisten zu konfrontieren, oder deren Aufmarsch zu verhindern, konnte wieder einmal, aufgrund des massiven Polizeischutzes für die Nazis, nicht verhindert werden. Das ist ein Skandal, und war neben der Forderung nach einem NPD-Verbot,  auch Thema der Redebeiträge auf der Demonstration. Überhaupt war das Polizeiaufgebot eindeutig gegen die Antifaschisten gerichtet. Es standen Wasserwerfer bereit, und es wurden seitens der Staatsmacht scharfe Hunde mitgeführt, die immer nur in unsere Richtung kläfften.

Da ist es auch nur ein schwacher Trost, daß in diesem Jahr „nur“ 640 Faschisten statt der erwarteten Tausend marschierten. Diese mußten allerdings durch ein Spalier von Feiernden. Knapp ein Dutzend Vereine, Organisationen und Nachbargemeinden hatten für den Nachmittag entlang der Aufmarschstrecke der Nazis private Feiern angemeldet.  Das ging vom Schulfest bis zur Weinprobe. Die Faschisten wurden mit Konfetti beschmissen und ausgelacht. Vielleicht hatten sich die Partymacher an Jerome Bonaparte und sein „Morgen wieder lustick!“ erinnert. Besonders dumme Gesichter müssen die Nazis gemacht haben, als ihnen auf der Höhe des Jüdischen Gemeindezentrums die heimliche Hymne des Staates Israel „Schole Malechem“ entgegenschallte.  Es wurde ihnen gezeigt: Um eure blutige Vergangenheit gibt es nichts zu trauern! Wer eine Einladung hatte, konnte an diesen Feiern teilnehmen. Aber am späten Nachmittag wurden auch Menschen mit Einladung nicht mehr in die Nähe der Faschos gelassen. Überhaupt begann die Polizei, härtere Saiten aufzuziehen. Aufgrund eines Kessels konnten ca. 200 Gegendemonstranten, die später angereist waren, nicht mehr an den verschiedenen Aktionen teilnehmen. Viele wurden an diesem sehr heißen Tag bis zu fünf Stunden im Kessel festgehalten. Durch Übergriffe der Polizei kam es zu Verletzungen. Einige erlitten Kreislaufzusammenbrüche, da sie während der gesamten Zeit festgehalten wurden, und keine Chance hatten, sich mit Getränken zu versorgen.

Der Bahnhof war bis 19 Uhr abgesperrt. Wer keine Mitfahrgelegenheit bekam, mußte bis zum Abzug der Faschisten in Bad Nenndorf ausharren. Da war es ermutigend, mehrere Anrufe aus Gera zu erhalten. Dort gelang es Antifaschisten, ein Nazi- Konzert „für Deutschland“ erfolgreich zu blockieren. Der Anmelder des Konzerts blieb in einer antifaschistischen Blockade stecken. Am Ende versagte bei den Faschos die Technik!

Fazit aber ist: Die Nazis konnten marschieren. Und sie werden, nachdem ihnen Wunsiedel genommen, und wir in Dresden Ihren Aufmarsch zweimal erfolgreich verhindert haben, nicht von Bad Nenndorf als ihrem verbliebenen „Wallfahrtsort“ ablassen. Darum: Naziaufmärsche verhindern! Um jeden Preis! Denn Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!

Joerg Lorenz

 

Bild 1

http://www.neues-deutschland.de/artikel/204150.neonazis-gucken-dumm-aus-der-waesche.html?sstr=T-Shirts

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