Was geschah in Verden?

Datei:Widukind-Herfod.jpg

Wer den niedersächsischen Ort Verden besucht, wird keinen Wegweiser finden, der auf den dort befindlichen Sachsenhain verweist. Links und rechts der Wege dieses Haines, die von großen Eichen gesäumt sind, stehen 4.500 Findlinge, herangebracht von Königsberg bis zur niederländischen Grenze. Wenn man beim Fremdenverkehrsamt des Ortes Verden nach der Bedeutung dieser Steinsetzung fragt, drücken die Mitarbeiter einem etwas in die Hand, was vom Landesjugendpfarramt Hannover herausgegeben wurde und von Superintendent Erich Leßke verfaßt ist. Zitate aus diesem Blatt, werden in kursiv dargestellt.

Das Blatt ist ein Skandal und eine solche Verhöhnung von Opfern eines Massenmordes, wie es wenige Beispiele gibt. Das, was dort auf diesem vierseitigen Blatt ausgeführt wird, ist aber durch vielfältige kirchliche und kirchlich beeinflußte Kanäle verbreitet worden, so daß eine umfangreiche Richtigstellung notwendig erscheint.

Unter der Überschrift: „Was geschah 782 in Verden?“ lesen wir zunächst:
„Seit 772 hat Karl der Große sich die völlige Unterwerfung der Sachsen vorgenommen. Er unterwirft die Engern an der Weser und in Westfalen und zerstört die heilige Stätte der Irminsul. Dagegen lehnen sich die Sachsen auf, obwohl viele von ihnen sich schon hatten taufen lassen.“

Hier finden wir die erste Unwahrheit: Zu diesem Zeitpunkt hatte sich lediglich eine verschwindend geringe Anzahl von Sachsen taufen lassen. Das Stammesheiligtum waren nach wie vor die Externsteine mit der Irminsul. Die Unterwerfung der Sachsen war nicht das einzige Ziel von Karl. Er führte einen Religionskrieg, und deswegen diente sein erster Feldzug der Zerstörung des sächsischen Zentralheiligtums.

„Widukind, der Sachsenherzog, schürt den Kampf – zeitweise sogar von seinem Fluchtasyl in Dänemark aus – und stößt, Kirchen und Klöster zerstörend, bis zum Rhein vor. Der Widerstand der Sachsen verschärft sich, als Karl d. Gr. auf dem Reichstag zu Lippspringe in einem Blutgesetz Untreue gegen den König und Verweigerung der Taufe mit dem Tode bedroht.“

Diese Ausführungen sind mutmaßlich falsch. Beim Reichstag zu Lippspringe 782 wurden nach überwiegender Ansicht die Sachsenkapitularien, also die als „Blutgesetz“ bezeichneten Todesstrafenanordnungen, von Karl noch nicht erlassen, sondern in diesem Jahr wurde die fränkische Grafschaftsverfassung eingeführt, so daß den Sachsen fränkische Grafen vor die Nase gesetzt wurden. Die Kapitularien sind mutmaßlich – obwohl sich eine endgültige Entscheidung insoweit nicht treffen läßt – erst 785 erlassen.

Die Schlacht am Süntel

„Widukind benutzt die zeitweilige Abwesenheit Karls d. Gr., um seine Anhänger zu einem Angriff auf die Ch**stliche Kirche und die fränkische Heermacht zu sammeln, obwohl man Frieden gelobt hat. Am Süntel überfallen sie ein fränkisches Heer und vernichten es in einem glänzenden Siege.“

Daß die Sachsen „Frieden“ gelobt hätten, ist nicht erwiesen. Selbst wenn es so gewesen wäre, ist darauf hinzuweisen, daß ein erzwungener Schwur nicht gehalten zu werden braucht; wenn jemand droht, Frauen und Kinder auszurotten, wenn ihm nicht Treue gelobt wird, ist eine Bindungswirkung des Schwures nicht gegeben.

Durch die Wortwahl will Superintendent Leßke aber die Sachsen ins Unrecht setzen, ebenso durch die Formulierung, daß ein fränkisches Heer – gleichsam aus dem Hinterhalt von Personen, die Frieden gelobt hatten – überfallen und niedergemetzelt worden sei.

Um einen „Angriff auf die Ch**stliche Kirche“ ging es bei der Schlacht am Süntel auch nicht, soll die Franken aber als Verteidiger einer ehrwürdigen Einrichtung erscheinen lassen. Im übrigen ist darauf zu verweisen, daß Karl als erster vertragsbrüchig wurde, weil er einen von Widukind mit eingedrungenen und besiegten Franken an der Weser 775 geschlossenen Vertrag nicht hielt, sondern die Westfalen angriff.

Das „Überfallen“ soll die Perfidie der Sachsen ausdrücken, und ähnlich haben es andere geschildert. Von nicht wenigen Geschichtsschreibern wird die Niederlage der Franken am Süntel als die Folge einer „Meuterei“, eines „Verrates“, eines „Überfalles“ seitens der Sachsen hingestellt. In willkürlicher Abweichung vom Bericht der Reichsannalen sagt z. B., Ch. Ritter folgend, A. Lonke: „Zunächst zogen Franken und Sachsen, vermutlich Westfalen und Engern, gemeinsam ostwärts bis an die Weser; hier aber meutern die Sachsen auf Widukinds Betreiben“, die Franken greifen „am Süntel die meuternden Sachsen“ an und „werden völlig geschlagen“. Hans Delbrück erzählt in regelrechter Umkehrung der Tatsachen: „Eine fränkische Schar wurde am Berge Süntel überfallen und niedergemacht“. Ein Historiker wie Karl Hampe spricht von der „verräterischen Niedermetzelung einer fränkischen Heeresabteilung am Süntelgebirge“ durch die Sachsen. Als wenn die Franken harmlosen Herzens und blumenpflückend am Süntel entlangspaziert wären

Bei den Vorwürfen gegen Herzog Widukind ist keine Infamie groß genug. Unter Verweis darauf, daß eines der fränkischen Heere, die am Süntel geschlagen wurden, eigentlich gegen die Slawen ziehen sollte, hat man Widukind einen Verrat des Deutschtums vorgeworfen. Der Domprobst Algermissen schreibt, daß der sächsische Aufstand „zu einer Zeit geschehen (sei), da der König wegen des Slawenaufstandes selber in Bedrängnis war. Statt ihm im Ringen gegen die das Germanentum bedrohenden Slawen beizustehen, benutzte man seine kritische Lage zur Rebellion gegen ihn.“

Wenn damit Karl als Vorkämpfer des Germanentums aufgebaut werden soll, ist dies eine Geschichtsfälschung.

Beginnend 795, wo 10000 Sachsen in der ersten Massenvertreibung deportiert worden waren, fanden laufend Deportationen statt, die größte im Jahr 804, wo dem Annal des Klosters Lorsch zufolge der gesamte Stamm der Nordsachsen, Albinger oder Wigmoti, „mit Weib und Kind oder dem Beistand G*ttes und nach seinem weisen Ratschluß auf verschiedenen Wegen aus Sachsen geführt und auf Gallien und andere Teile des Reiches verteilt“ wurde. Die entvölkerten Landstriche jenseits der Elbe bis zur Ostsee wurden den Slawen für geleistete Waffenhilfe durch Karl überlassen.

Auch nach Rom sind Sachsen umgesiedelt worden. Es gab dort um jene Zeit ein „Sachsenviertel“. Als die Sarazenen im Jahr 846 bis vor Rom rückten, die Peterskirche eroberten, plünderten und anzündeten, da wurden gegen sie diese Sachsen als Vorhut (Kanonenfutter) vorgeschickt, wobei sie – wie die Chronik berichtet – sämtlich umgekommen sind. Ein Sachsenviertel gab es danach in Rom jedenfalls nicht mehr.

Richtig ist folgendes: Die im Reichstag in Lippspringe 782 eingeführte fränkische Grafschaftsverfassung bedeutete das Ende der sächsischen Freiheit, worauf sich unter Widukind die Sachsen geschlossen erheben. Auf die Nachricht hin eilen der fränkische Graf Dietrich mit dem Heer der ripuarischen Franken nach Sachsen, ein anderes, aus Ostfranken bestehendes Heer, das ursprünglich zum Kampf gegen die Sorben bestimmt war, zog ebenfalls gegen die Sachsen; Führer des letzteren waren der königliche Kämmerer Adalgis, Marschall Geilo und Pfalzgraf Worad. Beide Heere vereinigten sich zunächst, und die Führer faßten den Plan, das Lager der Sachsen in einem Zangenangriff anzugreifen. Die Einhard zugeschriebenen Reichsannalen II. Fassung berichten wörtlich, daß, nachdem Adalgis, Geilo und Worad die Nacht in ihrem Lager auf dem rechten Weserufer verbracht hatten

„besprachen sie sich untereinander und kamen zu der Befürchtung, daß sich der Ruhm des Sieges an den Namen Dietrichs heften würde, wenn dieser an der Schlacht teilnähme. Daher beschlossen sie, ohne ihn mit den Sachsen zu kämpfen; sie griffen zu den Waffen und zogen mit größter Eile, als wenn sie es nicht mit einem in Schlachtreihe stehenden Feinde zu tun hätten, sondern auf der Verfolgung von Fliehenden und beim Beutemachen wären, so schnell die Rosse sie tragen konnten, auf die Sachsen los, die vor ihrem Lager zur Schlacht geordnet standen. So übel wie der Anmarsch, so übel war auch der Kampf. Kaum hatte die Schlacht begonnen, wurden sie von den Sachsen umzingelt und fast alle getötet. Diejenigen, die entrinnen konnten, flohen nicht in das eigene Lager, sondern in das jenseits des Gebirges gelegene Lager Dietrichs. Der Verlust der Franken war noch viel größer als er zahlenmäßig zu sein schien, weil die beiden Kommandeure Adalgis und Geilo, vier Grafen und gegen 20 andere namhafte und edle Männer gefallen waren, abgesehen von all den anderen, die ihnen gefolgt waren und lieber mit ihnen untergehen als überleben wollten.“

So der Annalen-Bericht, der immerhin von einem Franken geschrieben wurde. Von einem Überfall der Sachsen auf die Franken, Herr Superintendent Leßke, keine Spur – das Umgekehrte ist wahr!

Leßke behauptet weiter: „Als Karl d. Gr., ohne Widerstand zu finden, bis zur Allermündung herangerückt ist, liefert der sächsische Adel, der sich dem König unterworfen und damit auch die Unterwerfung des Volkes garantiert hat, die am Aufstand Beteiligten an Karl ‚zur Tötung‘ aus.“

Hier will Leßke suggerieren, daß der sächsische Adel von Karl die Tötung gefordert hätte, oder der sächsische Adel mit Karl gemeinsame Sache gemacht hätte. Das ist falsch.

Richtig ist zwar, daß es neben fränkischen Grafen in Sachsen auch sächsische Grafen gab; aber nur ein geringer Teil des sächsischen Adels ist überhaupt von Karl zu einem Grafenstand bestimmt worden. Diese sächsischen Grafen erschienen Karl aber als so unsichere Verbündete, daß er – eine Ausnahme von seiner sonstigen Gewohnheit – nur in Sachsen den Geistlichen eine Aufsicht über die staatliche, von den Grafen ausgeübte Rechtsprechung übertrug. Ganz deutlich wird dies Mißtrauen auch im 24. Abschnitt der Sachsenkapitularien, wo es über Königsfeinde u.a. heißt:

„Wenn jemand sie in seinen Schutzbereich aufnimmt und sieben Nächte bei sich behält, außer zum Stellen, zahle er unsere Bannbuße; in gleicher Weise, wenn ihn der Gaugraf verbirgt und ihn nicht zur gerichtlichen Aburteilung stellen will und sich deswegen nicht reinigen kann, verliere dieser seine Ehre.“

Daß der allergrößte Teil des sächsischen Adels sich nicht zum Grafen bestellen ließ und den fränkischen König bis zuletzt bekämpft hat, beweist die Deportation auch von Edelingen im Jahre 795. Man merkt die Absicht der Kirche: nicht Karl und die hinter ihm stehende Ch**stliche Kirche trifft die Schuld an der Bluttat in Verden, sondern den sächsischen Adel. Diese Geschichtsfälschung klingt schon bei den Karolingern an und ist so oft wiederholt worden, daß selbst in heidnischen Kreisen die Auffassung weit verbreitet ist. Deshalb wurde dem hier widersprochen.

Quelle

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