Der bissige Mund ist verstummt-zum Tode von Dietrich Kittner

27. Februar 2013

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie anfangen ? Die Frage muß man sich stellen, wenn es darum geht, einen so hervorragenden Genossen wie den hannoverschen Kabarettisten Dietrich Kittner und sein Werk zu würdigen. Wir alle kannten ihn – die einen mehr, die anderen weniger. Uns allen war er nahe, politisch und menschlich. Einige arbeiteten bei ihm im Theater, andere hängten Plakate für seine Tourneen und Auftritte. Für sie alle war er eine besondere Art von Arbeitgeber.

Also beginnen. Am besten mit dem ersten Eindruck von Dietrich. Diesen hatte der Autor dieses Artikels 1986 im Theater am Küchengarten (TAK). Nicht nur, daß Dietrich Kittner selbst die Eintrittskarten verkaufte, für ihn immer ein wichtiger erster Kontakt zum Publikum, und vielleicht auch ein Mittel gegen  Lampenfieber vor dem Auftritt, oder die von seiner Frau Christel zubereiteten scharfen Gulasch-und Zwiebelsuppen Ihresgleichen suchten – es waren die gepfefferten Pointen, die ausgefeilte politische Poesie und ihre Anleihen bei der literarischen Klassik, die ätzende Kritik am bürgerlich – kapitalistischen System, welche als dreistündiges Soloprogramm von Dietrich auf das begeisterte Publikum abgeschossen wurden. Über die Länge seiner Programme sagte er einmal : „So lange Reden gibt es nur noch bei Fidel Castro und bei mir!“ Apropos : Nach jeder Vorstellung reichte „der Mann mit der Mütze“ diese herum, um Geld für Soliprojekte auf Cuba zu sammeln.  Derartige Erlebnisse wiederholten sich bei weiteren Theaterbesuchen im TAK. Oft waren der politischen Sottisen und Sentenzen so viele,daß man sich nicht an alle erinnern kann. Nur ein Beispiel : die Märchentante : „Es war einmal ein Mann, der durch seiner Hände ehrlicher Arbeit sehr, sehr reich wurde. Und morgen, liebe Kinder, erzähle ich euch ein neues Märchen!“ So bin ich seit 1986  ein Fan- besonders von Dietrichs Weinert-Rezitationen, wie sie bravourös auf der LP „Der Rote Feuerwehrmann“ verewigt sind. Erich Weinert-diesen Dichter nannte Dietrich oft  sein Vorbild.  Und ebenso direkt und kompromisslos in seinem Klassenstandpunkt wie der Magdeburger Arbeiterdichter war auch Dietrich. Diese Haltung zeigte er nicht nur auf der Bühne, sondern trug  sie nach draußen, sei es bei Aktionen gegen das Schah-Regime, die Notstandsgesetze 1968, die „Rote-Punkt-Aktion“ gegen die horrenden Fahrpreiserhöhungen der hannoverschen Verkehrsbetriebe ÜSTRA 1969-73, bei Demonstrationen gegen die Berufsverbote 1979, in deren Verlauf er „Neun Thesen gegen die erschröcklichen Berufsverbote“ verlas und an der Kröpcke-Uhr im Zentrum Hannovers anschlug, bis hin zum Engagement gegen den Krieg des NATO-Imperialismus gegen Jugoslawien im März 1999. Er war der Erste, der am Kröpcke das Gespräch mit den Menschen suchte und Flugblätter verteilte. Sein Kampf gegen das kapitalistische System und die Sympathie für die DDR und die anderen sozialistischen Staaten auf und außerhalb der Bühne brachten ihm eine dicke Verfassungsschutzakte, den Ausschluß aus der SPD, den Boykott des sogenannten öffentlich-rechtlichen  Fernsehens, aber auch den Deutschen Kleinkunstpreis, den deutschen Schallplattenpreis und den Erich-Mühsam-Preis ein. Der Boykott durch die bürgerlichen Medien hat ihm nie geschadet, sondern ihn politisch und künstlerisch nur noch mehr beflügelt.  Günther Wallraff nannte ihn einmal den „Einzelkämpfer und Partisan,der sich wesentlich weiter vorwagt auf feindliches Terrain als alle etablierten- früher mal politischen – Kabaretts zusammen!“  Nach der Konterrevolution in den Staaten Osteuropas begegnete Dietrich diesem Zustand bei seinen Auftritten mit feiner Ironie, mit der Bemerkung, daß er dem „Chemnitzismus-Sankt-Petersburgismus“ niemals untreu werde.  1993 mußte er die Leitung des  ständig ausverkauften TAK  an eine GmbH übergeben. Als einziges hannoversches Theater wurde es nie bezuschusst. Ich meine, man kann sich denken, warum. 2006 starb sein Sohn Konrad, Sänger der Band „Abstürzende Brieftauben „ mit 44 Jahren. Ein harter Schlag für Christel und Dietrich. 2007 kam es wegen „unüberbrückbarer künstlerischer und  organisatorischer Tendenzen“  zum Bruch mit dem TAK. Seit 1991 in Österreich in der Steiermark lebend starteten Dietrich und Christel von dort aus zu den Auftritten in Deutschland. Leider war Dietrich in den letzten Jahren an Pankreas-Krebs erkrankt. Ich traf ihn vor einigen Jahren zufällig in der Ladenstraße der MHH. Wir unterhielten uns, und Dietrich schien guten Mutes zu sein. Er sprach auch von Plänen für neue Auftritte. Sein Kampfgeist hat in nie verlassen.

Am 15. Februar 2013 verstummte sein, für die herrschende Klasse,  bissiger Mund. Menschlich, politisch und künstlerisch  hinterläßt er eine große Lücke. Er war der beste linke Kabarettist!  Wir trauern um einen großen Künstler und Genossen.

An dieser Stelle möchte wir vor allem seiner Frau Christel unser tief empfundenes Mitgefühl aussprechen.

KPD- Landesorganisation Niedersachsen.

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